Interviews

INTERVIEW MIT REGISSEUR LARS KRAUME

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Fritz Bauer zu machen?

Durch ein Buch meines Koautors Olivier Guez: „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“. Darin beschäftigte er sich mit der Frage, wie das jüdische Leben nach dem Holocaust im Land der Mörder überhaupt weitergehen konnte. In einem Kapitel geht es auch um Fritz Bauer und die Auschwitz-Prozesse. Ich fand das Buch toll, und als Olivier es vor rund vier Jahren in Berlin auf Deutsch vorstellte, sprach ich ihn an und meinte, das wäre doch auch ein interessantes Thema für einen Film. Als wir gemeinsam überlegten, was man daraus machen könnte, blieben wir bald an Fritz Bauer hängen, weil er eine so singuläre Figur ist: Er verhält sich keineswegs wie die meisten Opfer, die nicht mehr über den Holocaust sprechen wollen. Er will, obwohl er auf überwältigend große Widerstände stößt, die Nazi-Verbrechen anklagen – aber nicht aus Rache, sondern angetrieben von einer humanistischen Gesinnung und einem erzieherischen Impetus. Eine schillernde Persönlichkeit, die sich geradezu anbietet als Hauptfigur eines Films.


Doch sein ganzes bewegtes Leben lässt sich kaum in zwei Kinostunden pressen.

Stimmt. Das wäre schon allein dramaturgisch kaum machbar. Nachdem Olivier und ich uns lange mit der Biografie beschäftigt hatten, beschlossen wir, uns auf die Jagd auf Adolf Eichmann zu fokussieren – und anhand jenes besonders spannenden Lebensabschnitts herauszuarbeiten, worum es Fritz Bauer ging und was diesen faszinierenden Charakter ausmacht. Wir erzählen die Erlösungsgeschichte eines Mannes, der nach dem Zweiten Weltkrieg als kaputter Pessimist nach Deutschland zurückkommt und im Kampf gegen das kollektive Vergessen seine Bestimmung findet.


Bei seinem Auftritt in der HR-Talkshow „Heute Abend Kellerklub“ wird deutlich, was Fritz Bauer umtrieb.

Ja, deshalb haben wir diesen Auftritt in unserem Film auch nachgestellt. Wenn man hört, wie er da auf wunderbare Art versucht, den jungen Leuten im Kellerklub den Geist der Demokratie nahezubringen, dann spürt man: Aus ihm spricht ein wahrer Humanist. Er ist überzeugt davon, dass die deutsche Nachkriegsgeneration die Chance hat, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Tatsächlich hat er der Jugend in der Adenauer-Ära einen ganz neuen Blickwinkel eröffnet, weil er es gewagt hat, den Schleier zu lüften und das bleierne Schweigen zu brechen. So wurde er zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die spätere Studentenrevolte.


Das korrespondiert mit der Original-Videoaufnahme am Anfang Ihres Films, wo Fritz Bauer meint, dass die jungen Menschen in Deutschland nun bereit seien, die ganze Wahrheit zu erfahren. Woher stammt diese Aufnahme?
Aus einer Fernsehansprache im Kontext des Eichmann-Prozesses. Ein perfekter Auftakt für unseren Film, weil Fritz Bauer hier sein Anliegen sehr schön auf den Punkt bringt. Er glaubt, dass die Zukunft seiner Heimat davon abhängt, dass sich vor allem die junge Generation mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Dafür ist er bereit, alles zu geben. Dafür riskiert er sogar sein eigenes Leben.


Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?

Wir haben eine Menge Bücher gelesen, darunter natürlich die verschiedenen Biografien über Fritz Bauer. Wir haben uns mit Gerhard Wiese getroffen, dem letzten noch lebenden Staatsanwalt aus Bauers Truppe: ein wahnsinnig wacher, geistig fitter, brillanter Mensch, der uns erzählt hat, wie das damals so lief bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft und was sein Chef für ein Typ war. Das war sehr hilfreich. Außerdem haben wir immer wieder intensive, inspirierende Gespräche mit Mitarbeitern des Fritz-Bauer-Instituts geführt. Und kurz vor unserem Drehbeginn hat das Institut eine große Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt zusammengestellt, in der viele interessante Dokumente zu sehen waren.


Zum Beispiel?

Der Artikel aus der NS-Zeitung von 1933 mit dem sogenannten „Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten“, in dem Bauer sich quasi den Nazis unterwarf und der SPD abschwor, um nach acht Monaten Inhaftierung aus dem KZ freizukommen. Als einer der Unterzeichner wird „Fritz Hauer“ genannt, was zu einem Streit unter Historikern geführt hat: Ist das etwa ein Druckfehler? Oder ein Abschwören mit zwei gekreuzten Fingern hinter dem Rücken? Olivier und ich haben diese demütigende, von den Nazis erpresste Unterwerfungserklärung stets als inneren Motor für Fritz Bauers Handeln gesehen: Jemand, der sich einmal in seinem Leben kleinkriegen und ins Exil jagen ließ, kämpft nach der Rückkehr in seine Heimat umso kompromissloser gegen Missstände.


Haben Sie in der Ausstellung auch die dänische Polizeiakte über Fritz Bauer gesehen?

Ja, der Rapport der Dänen über seine Kontakte zu Homosexuellen wurde dort zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Dass Fritz Bauer im dänischen Exil von der Polizei mit männlichen Prostituierten erwischt wurde, ist belegt. Darüber, wie er später als hessischer Generalstaatsanwalt mit seiner Sexualität umgegangen ist, kann man nur spekulieren. Wir haben das im Film so behutsam wie möglich dargestellt. Das Thema Homosexualität war uns aber in zweifacher Hinsicht wichtig: zum einen für die dramatische Entwicklung der Geschichte, weil der damals geltende § 175 des Strafgesetzbuchs, der „unzüchtige Handlungen“ zwischen Männern unter Strafe stellt, den Antagonisten die Chance bietet, Fritz Bauer zu Fall zu bringen. Zum anderen, um die fortwährende Tyrannei in der Adenauer-Ära zu zeigen: Dieser „Schwulenparagraf“, der unter den Nazis noch einmal massiv verschärft worden war, wurde bei uns erst 1994 abgeschafft! Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie lange sich das Gedankengut des Unrechtsstaats noch in der Bundesrepublik gehalten hat.


Sind die im Film auftretenden Staatsanwälte reale oder fiktive Figuren?

Fast alle Figuren gab es wirklich, außer Karl Angermann, unseren Repräsentanten einer Generation von jungen, idealistischen Staatsanwälten, die aus Überzeugung gemeinsam mit Fritz Bauer kämpften. Ihn haben wir aus diversen realen Vorbildern fiktionalisiert, um Bauer eine Bezugsperson an die Seite zu stellen – und natürlich auch, um die eben erwähnte Homosexuellen-Thematik ins Spiel zu bringen.


War es schwer, die Finanzierung für das Projekt auf die Beine zu stellen?

Nein, das ging sogar ziemlich zügig – vielleicht, weil dieser fast kammerspielartige, sehr konzentriert erzählte Film von vornherein darauf angelegt war, nicht zu teuer zu werden. Wir haben lange überlegt, welchen Produzenten wir ansprechen sollen, und uns dann für Thomas Kufus entschieden: Wir dachten, dass diese Geschichte bei ihm, nicht zuletzt wegen seiner Erfahrung mit anspruchsvollen Dokumentarfilmen, in seriösen Händen wäre – was sich aufs Schönste bewahrheitet hat. Der WDR kam früh an Bord, weil Barbara Buhl von Anfang an von unserem Drehbuch begeistert war, ebenso die Film- und Medienstiftung NRW, ARTE und der HR, mit dem ich ja schon oft zusammengearbeitet hatte, sowie der Alamode Filmverleih, der bereits „Meine Schwestern“ ins Kino gebracht hatte. Thomas Kufus und ich waren uns stets einig, dass wir nicht mehr als dreieinhalb Millionen Euro ausgeben sollten – es wäre ja naiv und vermessen, damit zu rechnen, dass unser Thema ein Massenpublikum ins Kino locken würde. Tatsächlich hat der Film auch nur 3,4 Mio. € gekostet.


Wie kam Burghart Klaußner ins Boot? Mit ihm hatten Sie noch nie gearbeitet, oder?

Nein, wir kannten uns nicht. Unsere Casterin Nessie Nesslauer hat ihn mir ans Herz gelegt. Er war nicht nur der erste Kandidat, der für die Rolle vorsprach, sondern auch der beste: Er hat Fritz Bauer sofort verstanden und wahnsinnig toll interpretiert. Man merkte von Anfang an, dass er Feuer und Flamme war für diese Figur – und dass er alle dafür nötigen Voraussetzungen auf ideale Weise in sich vereinte.


Nämlich?

Das passende Alter, die richtige Physis, den scharfen Intellekt, die emotionale Reife, die innere Wut – und nicht zuletzt den Humor. Meine größte Sorge war es, einen moralinsauren Film zu fabrizieren. Darum war mir wichtig, dass unsere Hauptfigur mit einem trockenen, lässigen Humor daherkommt. Burghart Klaußner macht das ganz großartig. Er trifft auch immer den richtigen Ton, wenn Fritz Bauer Sätze sagt wie: „Ich habe eine Pistole – wenn ich mich umbringen will, dann gibt es keine Gerüchte!“


War es von Anfang an geplant, ihn Dialekt sprechen zu lassen?

Ja, denn es war uns wichtig, die Verwurzelung dieses Mannes im Schwabenland zu zeigen – und so die Nazi-Trennung zwischen Deutschen und Juden, die sich ja interessanterweise bis heute noch in vielen Köpfen gehalten hat, ad absurdum zu führen. Viele Juden waren leidenschaftliche deutsche Patrioten und in ihre jeweilige Region integriert – wie Fritz Bauer, der in unserem Film auch einmal erwähnt, dass sein Vater für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg gezogen ist. Er sprach einen ganz eigenen, sperrigen Dialekt mit schwäbischer Färbung und weiteren Manierismen, die wir nicht 1:1 kopieren wollten: Erstens wäre das zu viel des Guten gewesen, zweitens kennt heute ohnehin kaum mehr jemand den Klang der Originalstimme. Burghart Klaußner hat Bauers obskuren Sprachduktus und Gestus wunderbar auf seine Art übersetzt.


Wie kamen Sie darauf, Ronald Zehrfeld als verkappt homosexuellen Staatsanwalt zu besetzen?

Bei den Dreharbeiten zu dem ZDF-Krimi „Dengler – Die letzte Flucht“ lernte ich ihn kennen und schätzen: Da spielt er einen Zielfahnder im Kampf gegen das Establishment – eine klassische Ronald-Zehrfeld-Rolle. Bei der Figur von Karl Angermann denkt man natürlich zuerst an einen feingliedrigen Intellektuellen. Aber in meinen Gesprächen mit Nessie Nesslauer kam uns die Idee: Wäre es nicht viel spannender, wenn dieser Angermann so männlich wirkt, dass ihn kaum jemand für schwul halten würde? So kam Ronald ins Spiel – mit seiner enormen Körpergröße, seiner muskulösen Statur und seiner offensichtlichen Wirkung auf Frauen der Prototyp eines echten Kerls. Er war begeistert, weil er das Thema und die Figur interessant fand und es für ihn hier eine Menge Neues zu spielen gab.


Und wie haben Sie Lilith Stangenberg gefunden?

Für die Transgender-Rolle der Victoria hatten wir erst Jungs gecastet und zu bildschönen Frauen umgeschminkt – doch die konnten allesamt nicht elegant auf hochhackigen Schuhen laufen. Die Entdeckung von Lilith Stangenberg verdanke ich wiederum Nessie Nesslauer. Lilith ist eine echte Ausnahmeerscheinung: Ihre androgyne Ausstrahlung, ihre merkwürdige Sprechweise und ihre katzenartigen Bewegungen passen optimal zu der Rolle.


Mit Sebastian Blomberg haben Sie seit Ihrem ersten Spielfilm DUNCKEL (1998) immer wieder gedreht…

Ja, wir kennen uns schon sehr lange und sehr gut, und als ich ihn fragte, ob er nicht Lust hätte, Fritz Bauers Widersacher zu spielen, hat er sofort zugesagt. Er hat fantastische Ideen zu der Figur des Oberstaatsanwaltes Kreidler eingebracht. Am ersten Drehtag meinte er zum Beispiel: „Viele von diesen Kleinadeligen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg so gut in dem System gehalten haben, hatten eine Fistelstimme. Wie wäre es damit?“ Wir haben es ausprobiert, und es hat perfekt funktioniert. Seine Auftritte mit dieser hohen, fiesen, sägenden Stimme sind einfach unvergesslich.


Womit wir wieder beim Humor im Film wären…

Ja, das war natürlich ganz in meinem Sinne, ebenso wie das hemmungslose Husten und Spucken, das Paulus Manker in der Rolle des gerissenen Informanten Morlach zelebriert. Als ich 2012 mit ihm die „Tatort“-Folge „Im Namen des Vaters“ drehte, hatte ich schon mit der ersten Drehbuchfassung für DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER begonnen. Und ich sagte zu ihm: „Wenn ich diesen Film mache, musst du unbedingt mitspielen.“ Denn er hat, was man heutzutage kaum noch findet, ein tolles Gesicht, das hervorragend in die Nachkriegszeit passt: Er sieht so aus, als wäre er direkt Carol Reeds „Der dritte Mann“ entsprungen.


Und Jörg Schüttauf als perfider BKA-Mann?

Mit ihm wollte ich schon lange mal wieder arbeiten, seitdem wir zusammen zwei „Tatort“- Folgen gedreht hatten, denn er ist ein toller Schauspieler mit einem unglaublichen Gefühl für Sprache und Rhythmus. So etwas vergisst man leicht, wenn man einen Darsteller nur auf seine Auftritte als aufrechter Kommissar reduziert. Seit unseren gemeinsamen „Tatort“- Erfahrungen weiß ich, dass er eigentlich viel lieber Bösewichte spielt. Und diese Gelegenheit nutzt er hier mit sichtlicher Lust.


Und wie kam Götz Schubert in den Film? Sollte nicht ursprünglich Hanns Zischler den hessischen Ministerpräsidenten Zinn spielen?

Stimmt. Doch am Abend vor seinem Drehtag wurde er plötzlich so krank, dass er mir absagen musste. Unser Zeitplan war allerdings derart knapp kalkuliert, dass wir die Szenen am nächsten Tag unbedingt drehen mussten. Ich rief also fieberhaft alle möglichen Leute an, um kurzfristig einen Ersatz zu finden – vergeblich. Mein langjähriger Kameramann Jens Harant, mit dem ich seit GUTEN MORGEN, HERR GROTHE zusammenarbeite, hatte schließlich den rettenden Einfall. Er ist ein echter Indianer.


Wie meinen Sie das?

Er ist ein äußerst ruhiger, konzentrierter Typ, der so gut wie kein Wort redet – aber wenn er mal was sagt, dann hat das immer ein großes Gewicht. Und am nächsten Morgen, aufunserem Weg zum Set, sagte er plötzlich: „Götz.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Na klar! Götz Schubert! Top-Idee!“ Jens und ich kennen ihn gut, seitdem wir mit ihm mehrere „KDD“-Folgen gedreht haben. Ich rief ihn also an, erwischte ihn am Frühstückstisch und erklärte ihm die Situation. Nach kurzer Bedenkzeit meinte er: „Okay, ich brauche zwei Stunden, um hier in meiner Familie das Nötigste zu regeln, und kann die Maschine um 13 Uhr nehmen.“ Das tat er, lernte unterwegs seinen Text, war um 15 Uhr bei uns in der Maske und spielte ab 16 Uhr seine Szenen mit Burghart Klaußner. Ohne Probe – und ohne das restliche Drehbuch zu kennen. Ein Wahnsinnstyp. Unglaublich mutig.


Hut ab! Das sind ja richtig lange Dialogszenen.

Genau. Und das Verblüffendste ist: Die Szenen sind richtig toll geworden! Als Zuschauer glaubt man sofort, dass Bauer und Zinn alte Weggefährten sind, wenn man sieht, wie die beiden verbal ihre Klingen kreuzen und wie sich der Ministerpräsident ein bisschen amüsiert über die hehren Reden des Generalstaatsanwalts. Götz Schubert serviert das auch mit der richtigen Portion Witz. Ich bin ihm ewig dankbar. Er hat unseren Film gerettet. Denn den Ausfall eines Drehtages hätten wir uns schlicht und ergreifend nicht leisten können.


Wie viele Drehtage gab es denn insgesamt?

29. Wir haben von Ende Oktober bis Anfang Dezember 2014 gedreht, davon 26 Tage in Deutschland und drei in Israel. Thomas Kufus, der unter anderem wegen des „24h Jerusalem“-Projektes schon viel in Israel zu tun hatte, bestand darauf, dass wir auch tatsächlich dort filmen, und vermittelte uns die nötigen Kontakte. Dort haben wir beispielsweise auch die Szenen gedreht, die in Südamerika spielen.


Und wo genau fanden die Dreharbeiten in Deutschland statt?

Teilweise in Hessen, aber zum allergrößten Teil in Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich in Köln und Umgebung. Viele Außenszenen sind in einer stillgelegten Militärkaserne entstanden, wo wir nach Belieben Autos fahren lassen und die Straßen kontrollieren konnten – und wo die Fassaden noch aussahen wie in den 50er Jahren. Wir hatten einen tollen Location-Scout, der in der Gegend zum Beispiel auch ein Motiv fand, das man als Flughafenhalle in Paris-Orly verkaufen konnte. Die Szenen in der Staatsanwaltschaft haben wir im Oberlandesgericht Düsseldorf gedreht: Das ist ein Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts, das erst kürzlich komplett in den Originalzustand versetzt wurde – inklusive aller Lampen! Wir durften dort am Wochenende filmen und fanden alles, was wir brauchten: die Korridore, das Treppenhaus etc. Nur Bauers Büro haben wir woanders gebaut.


Da sieht man hinter seinem Schreibtisch auch die markante Schwarz-Weiß-Tapete, die man von alten Fritz-Bauer-Fotos kennt.

Die Tapete in seinem Büro stammt von Le Corbusier – sie ist also ein Kunstwerk, für das man Nutzungsrechte zahlen muss, wenn man es in einem Film verwenden möchte. Das hat uns ordentlich Geld gekostet. Aber diese berühmte Tapete war natürlich Pflichtprogramm. Ansonsten war unsere sehr engagierte Szenenbildnerin Cora Pratz darauf bedacht, Wirtschaftswunder-Kitsch zu vermeiden, denn wir wollten nicht die üblichen 50er-Jahre- Abziehbilder liefern. Einer ihrer Lieblingssätze war: „Hier kommt mir kein Nierentisch rein!“


Und wo haben Sie noch ein funktionstüchtiges Flugzeug aus jener Zeit aufgetrieben?

Dieses wunderbare Propeller-Monster haben wir uns von Red Bull ausgeliehen. Und die Innenaufnahmen konnten wir in einer Maschine machen, die in einem privaten Luftfahrt- Museum in der Eifel stand. Allerdings mussten wir da alle erst einmal durch ein kleines Loch in die Passagierkabine hineinklettern.


Was war für Sie das Schönste bei den Dreharbeiten?

Besonders schön fand ich es, mitzuerleben, wie Burghart Klaußner dieser ziemlich verschlossenen Hauptfigur so viel Leben einhaucht und so viele interessante Nuancen verleiht. Er hat die Angebote des Drehbuchs dankbar angenommen und mich immer wieder mit neuen Details überrascht, etwa mit einem kleinen, verschmitzten In-sich-hinein-Lachen.


Was können wir im 21. Jahrhundert noch von Fritz Bauer lernen?

Nach einer „Family & Friends“-Vorführung unseres Films sagte eine befreundete Produzentin begeistert zu mir: „Toll! So wie Fritz Bauer sollte man sein Leben leben!“ Will heißen: Man sollte den Mut haben, sich konsequent einer Sache zu verschreiben und beharrlich seine Ziele zu verfolgen – und zwar gegen alle Widerstände. Fritz Bauer wurde angefeindet als „Rache-Jude“ und war permanent umringt von mächtigen Gegnern; keine deutsche Behörde wollte mit ihm kooperieren; man warf ihm einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine. Von ihm stammt der legendäre Ausspruch: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“ Trotzdem hat er sich am Ende durchgesetzt. Für mich ist er ein echter Held.


Regisseur István Szabó hat einmal die Ansicht vertreten, dass sich kaum ein deutscher Filmemacher traue, klassische Heldenfiguren auf die Leinwand zu bringen, weil es den Deutschen schwer falle, sich mit ihrer Geschichte zu identifizieren. Er meinte: „Die Amerikaner haben den Krieg gewonnen – darum drehen sie Filme über Gewinner. Die Deutschen haben verloren – darum machen sie Filme über Verlierer.“

Ja, da ist was dran. Das würde zumindest erklären, warum Antihelden für viele deutsche Regisseure offenbar die interessanteren Filmfiguren sind. Allerdings muss man auch zugeben, dass es in der Nachkriegsgeschichte unseres Landes nur sehr wenige Persönlichkeiten gibt, auf die wir wirklich stolz sein können und die auch heute noch als Vorbild taugen. So jemand wie Fritz Bauer steht fast wie ein einsamer Leuchtturm in der deutschen Landschaft. Sein Mut und seine Hartnäckigkeit sind eine wunderbare Inspiration für jeden, der sich in unserer modernen Gesellschaft gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzt.


Warum sollte man sich Ihrer Meinung nach eine Kinokarte für DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER kaufen?

Weil man hier etwas Spannendes geboten bekommt: den archaischen Kampf eines Außenseiters gegen ein übermächtiges System – und zwar einen Kampf, den es wirklich gab und der nicht in einem erfundenen Comic-Universum spielt. Kurz gesagt: eine emotional packende, zeitlos inspirierende Heldengeschichte!


INTERVIEW MIT BURGHART KLAUSSNER

Wie kam Fritz Bauer zu Ihnen?

Durch eine Casting-Anfrage: Es gab ein Drehbuch, ein bis zwei zentrale Szenen und, quasi als Vorbild, ein Video von Bauers Auftritt in der HR-Talkshow „Heute Abend Kellerklub“. Fritz Bauer war mir zwar als leuchtende Figur aus der Zeit der Studentenbewegung ein Begriff, aber ich wusste zum Beispiel bis dato überhaupt nicht, dass er Adolf Eichmann aufgespürt hatte, und ich kannte auch sein Auftreten nicht – ich hatte keine Ahnung, was das für ein Mensch war. Das wurde mir erst durch jenes Video bewusst. Ich war von der ganz eigenen Art dieses Mannes so gefesselt, dass ich sie mir praktisch in einem Sekunden-Flash angeeignet habe. Und von dem Moment an wollte ich diese Rolle unbedingt spielen.


Was hat Sie so sehr daran gereizt?

Zum einen die Idee „Einer gegen alle“, die Bauers Leben bestimmt hat und die auch diesen Film prägt – da denkt man ja sofort an einen klassischen film noir. Zum anderen faszinierte mich die Aussicht, eine so positive Figur spielen zu können: Fritz Bauer ist zwar ein vielschichtiger, gebrochener Charakter, aber eben auch ein wahrer Held – einer der wenigen Helden der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und es kommt mir so vor, als fände ich meine Leidenschaft in den vergangenen Jahren darin, an einer Art Galerie deutscher Menschen zu arbeiten. Wenn Sie Fritz Bauer und den Pastor aus DAS WEISSE BAND gegenüberstellen, haben sie sozusagen die helle und die dunkle Seite derselben Medaille.


Und was war Fritz Bauer in Ihren Augen für ein Typ?

Ein typischer deutscher Intellektueller, der immer die Zeitung in seinem Jackett stecken hat und sich an den Debatten seiner Zeit beteiligt, stets an vorderster Front – dort, wo’s brennt. Und einer der „Angry Old Men“, wenn ich sie mal so nennen darf: Männer wie Ernst Bloch, Hans Mayer, Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer, die in ihrer Jugend Rebellen waren, Schlimmes durchmachen mussten, verfolgt wurden, überlebt haben und sich irgendwann nichts mehr gefallen ließen. So wie Fritz Bauer, der am Ende unseres Films sagt: „Solange ich lebe, hält mich niemand mehr von meiner Arbeit ab!“ Ein zorniger alter Mann.


Aber einer, der interessanterweise nicht von Rachegedanken angetrieben wurde.

Ja, das findet man häufig bei Holocaust-Überlebenden: Die Opfer sind nur in den seltensten Fällen überhaupt zu Rache fähig. Denn Rache hilft ihnen auf lange Sicht nicht weiter. Was sie vielmehr für ihre seelische Gesundung brauchen, ist die Reue der Täter. Deshalb war Fritz Bauer auch so entsetzt darüber, dass kein einziger Angeklagter im Auschwitz-Prozess Reue zeigte. Bauers Antrieb war sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Er hatte am eigenen Leib massives Unrecht erfahren und musste sich von Primitivlingen, die ihm geistig weit unterlegen waren, ins Exil jagen lassen. Nach seiner Rückkehr hatte er den innigen Wunsch, die Deutschen möchten zunächst einmal erkennen, was sie getan haben, und in einem zweiten Schritt ihre dunkle Vergangenheit verarbeiten.


Das alles im geistigen Klima einer Republik, in der Konrad Adenauer die Losung ausgegeben hatte, man müsse einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen.

Ja, ich erinnere mich noch genau, dass es in meiner Schulzeit schlichtweg tabu war, über die Nazizeit zu sprechen. Auch in der eigenen Familie traute man sich nicht, das Thema anzuschneiden – aus Furcht, man könnte auf ein finsteres Geheimnis stoßen. Es war, als hätte das ganze Land ein Familiengeheimnis gehabt! Die Angst vor der Auseinandersetzung war auch deshalb so groß, weil man spürte, dass die Nazis zwar nicht mehr offiziell regierten, aber heimlich noch immer die bestimmende Macht in der Gesellschaft waren. Die ganze 68er-Bewegung ist letztlich nur zu verstehen als Befreiungsschlag gegenüber jenem Duckmäusertum, als Reflex auf den nicht verarbeiteten Nationalsozialismus. Und Fritz Bauer war ein Wegbereiter für diese Bewegung.


Wie haben Sie sich bei der Vorbereitung auf die Dreharbeiten dieser Figur genähert?

Natürlich habe ich die Biografien über Fritz Bauer gelesen und mir die wenigen verfügbaren Videoaufnahmen mit ihm angeguckt. Außerdem hat Lars Kraume für das Filmteam kurz vor Drehbeginn eine Art Klassenausflug zu einer Bauer-Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt organisiert. Bei alledem wurde deutlich, dass sich verschiedene Kontroversen wie ein roter Faden durch die Rezeption ziehen: Manche Autoren stellen alles infrage, was am Heldenmythos angeblich kratzen könnte, etwa Bauers vermutete Homosexualität oder die Erklärung, in der er sich vermeintlich den Nazis unterwarf. Dabei ist eine solche Erklärung aus taktischen Gründen völlig in Ordnung, zumal dann, wenn es darum geht, aus der Haft freizukommen: Sie zeugt von Beweglichkeit und Findigkeit.


Und Bauers Homosexualität wird auch heute noch von manchen Leuten ernsthaft geleugnet? Trotz des einschlägigen Berichts der dänischen Polizei?

Ja. Es gibt eine Fraktion, die nennt es „Rufschädigung“, Bauer als homosexuell zu bezeichnen. Das sagt natürlich viel über die Geisteshaltung dieser Leute, die Homosexualität allen Ernstes auch heute noch als Herabstufung betrachten. Unser Film ist alles andere als denunziatorisch, er orientiert sich vielmehr so eng wie möglich an der historischen Wahrheit – auch und gerade in dem Handlungsstrang, der von Bauers sexuellen Neigungen erzählt und der das Private mit dem Politischen verknüpft: Es war uns wichtig, zu zeigen, dass die extreme Strafandrohung des § 175, des berüchtigten, unter den Nazis noch einmal verschärften „Schwulenparagrafen“, durchaus über Bauers Haupt schwebte.


Bauer muss ein sehr einsamer Mensch gewesen sein.

Ja. Das kommt besonders deutlich heraus in der Szene, in der er mit sich selbst Schach spielt und Tschaikowskys „Pathétique“ auflegt: Wie verbringt ein feinfühliger, musischer Mensch, in seinem Berufsalltag umgeben von Reaktionären, sein Wochenende? Dass Bauer ein Außenseiter war, wird im Film zusätzlich unterstrichen durch die Tatsache, dass er als einziger Mensch in seinem gesamten Umfeld nicht Hochdeutsch spricht.


Wie leicht fiel Ihnen, als gebürtigem Berliner, Fritz Bauers Redeweise mit der schwäbischen Dialekt-Einfärbung?

Ich hatte schon immer ein Faible für Musik, für Sprache, für Dialekte. Sprache ist für mich Musik. Zwar hatte ich diesen Dialekt zuvor noch nie gesprochen, auch nicht in einer Rolle, aber ich hatte ihn immer im Ohr. Im Zuge meiner Vorbereitung habe ich mich außerdem mit einem Freund getroffen, um noch mal ins Detail zu gehen – da gibt es zum Beispiel feine Aussprache-Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Schwaben.


Die kurze Original-Videoaufnahme am Anfang von DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER zeigt, dass Bauers Art zu sprechen auch noch andere Eigentümlichkeiten aufweist.

Stimmt. Aber es wäre nicht gut gewesen, diese Eigenheiten noch mehr zu betonen. Wir gehen ohnehin schon ziemlich weit beim Nachspüren des Originals. Hier geht es ja nicht um einen Imitationswettbewerb, sondern um die Frage: Wo liegt der Kern? Wie findet man die Essenz? Im Übrigen ist es beim Erarbeiten einer Rolle auch sehr wichtig, sich auf gewisse Dinge ganz bewusst nicht vorzubereiten.


Wie meinen Sie das?

Man darf nicht verlernen, offen zu bleiben und aus dem Moment heraus zu agieren. Und man darf sich schon gar nicht vornehmen, vor der Kamera etwas Bestimmtes zu tun. Die Aufgabe ist klar umrissen: Man erarbeitet sich einen Grundstock an Ausstattung für die Figur, und dann geht man damit in verschiedene konkrete Situationen hinein. Das heißt, man überlegt sich beispielsweise: Wie sitzt dieser Fritz Bauer im Flugzeug? Wie überquert er eine Straße? Wie rennt er jemandem hinterher? Wie fühlt er sich plötzlich vor einer Fernsehkamera? Das sind lauter Fragen, die man nicht intellektuell im Vorfeld klären kann, sondern in der jeweiligen Situation mimetisch erfahren muss.


Wie haben Sie das Zusammenspiel mit Ronald Zehrfeld erlebt?

Ich schätze ihn sehr, und zwar schon lange, weil ich ihn vor dem Beginn seiner Filmkarriere bereits unter Peter Zadek auf der Bühne erlebt habe – und schon damals war ich fasziniert von seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner schauspielerischen Präsenz. Als Partner vor der Kamera fand ich ihn sehr einfühlsam, humorvoll und menschenklug: Es war sehr schön, mit ihm zu spielen, wie sich langsam und vorsichtig eine Freundschaft zwischen Fritz Bauer und Karl Angermann entwickelt.


Und wie war die Arbeit mit Lars Kraume?

Sehr, sehr erfreulich. Ein äußerst intelligenter Regisseur und Autor, der genau hinschaut und stets das Wesentliche vom Unwesentlichen gut zu unterscheiden weiß. Wir haben auf eine Weise zusammengearbeitet, wie ich es bisher selten erlebt habe.


Er hat auch dafür gesorgt, dass sich immer wieder Humor im Film findet.

Ja, das war auch mir sehr wichtig, weil Fritz Bauer – wie jeder intelligente jüdische Mensch – einfach einen guten Humor hatte. Das zeigt sich auch in den wenigen überlieferten Aufnahmen, etwa bei einer Podiumsdiskussion im Audimax der Hamburger Uni, bei der er einige freche, sehr lustige Sottisen in Richtung eines NPD-Mannes abfeuert. Im Gegensatz dazu ist der Pastor in „Das weiße Band“, um noch mal auf die eingangs erwähnte Dichotomie zurückzukommen, quasi eine humorfreie Zone: Bei dieser Figur wäre jegliche Form von Humor völlig unangebracht gewesen.


Was bekommt man geboten, wenn man eine Kinokarte für DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER löst?

Eine spannende Achterbahnfahrt. Einen bewegenden Film. Und ein interessantes Zeitbild. Wir erfahren etwas darüber, wo wir alle herkommen. Über unser Land in den 50er Jahren. Über die Welt, in der unsere Väter und Mütter und Onkel und Tanten gelebt haben. Ein Album unser aller Familien aus den Kindertagen der Bundesrepublik Deutschland!


INTERVIEW MIT RONALD ZEHRFELD

Wie kamen Sie zu der Rolle eines homosexuellen Staatsanwalts?

Beim Fernsehkrimi „Dengler – Die letzte Flucht“ habe ich zum ersten Mal mit Lars Kraume zusammengearbeitet. Und irgendwann während der Dreharbeiten erzählte er mir von DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER: Das wäre sein Herzensprojekt, an dem er seit mehreren Jahren arbeiten würde, und er hätte mich jetzt am Set erlebt und kennengelernt und wollte mich unbedingt für die Rolle des Karl Angermann, denn er hätte den Eindruck, das würde gut passen. Dann gab er mir das Drehbuch zu lesen.


Und wie war Ihre Reaktion?

Einerseits war ich verblüfft, weil ich so eine Rolle noch nie gespielt hatte. Andererseits habe ich mich sehr gefreut, weil ich die Figur interessant fand – und weil es eine wunderbare Chance war, ein paar andere Facetten von mir zu zeigen, in die deutsche Nachkriegsgeschichte einzutauchen und Fritz Bauer näher kennenzulernen.


War Ihnen der Name ein Begriff?

Ja, denn „Phoenix“ war Fritz Bauer gewidmet, und so hatte ich mich damals schon ein bisschen mit diesem faszinierenden Mann beschäftigt. Zur Vorbereitung auf Lars Kraumes Film habe ich natürlich alle verfügbaren Videos mit Bauer gesehen und das Info-Material durchgearbeitet, das Lars mir gab. Ich kann es kaum ansatzweise nachvollziehen, was es bedeutet, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust mitzuerleben, zu überleben und dann die Größe zu haben, nach Deutschland zurückzugehen, hier weiterzumachen und das Land mitgestalten zu wollen. In dem Fernsehinterview im Kellerclub, das man sich übrigens auf YouTube angucken kann, sieht man sehr schön, wie Fritz Bauer die Jugend zu Demokraten erziehen will. Ich kann nur meinen Hut ziehen vor diesem Mann, der sagt: „Macht die Augen auf! Seht euch das an! Das darf nicht vergessen werden!“


Und wie würden Sie die Figur des Karl Angermann charakterisieren?

Ein in sich gekehrter, kraftvoller Mensch, der – wie wir heute sagen würden – sein Comingout noch nicht hatte. Da schlummert eine Energie in ihm, die nur noch einen Katalysator braucht – und der ist in diesem Fall Fritz Bauer. Angermann trifft in ihm einen Menschen, der Schlimmes durchgemacht hat, der aber, anstatt zu resignieren, eine Stärke beweist, mit der er die junge Generation locker dreimal in die Tasche stecken kann. Das weckt in Angermann schließlich den Mut, zu seinen Neigungen zu stehen.


Lars Kraume hat dieses Erwachen sehr behutsam erzählt…

…und raffiniert inszeniert. Denn den einen Abend in der „Kokett“-Bar haben wir mit Frauen gedreht, den anderen mit geschminkten Männern. Wenn Angermann also zum ersten Mal die Bar betritt, denkst du als Zuschauer noch: „Na klar, der Kerl muss mal einen Abend raus, um den Kopf freizukriegen, er macht seinen Ehering ab…“ Und bei seinem zweiten Besuch im „Kokett“ stellst du plötzlich fest: Hoppla, die hübschen „Bardamen“ sind ja in Wirklichkeit alles Männer!


Was war für Sie die größte Herausforderung bei diesem Projekt?

Mich zurückzunehmen. Wenn man die Möglichkeit hat, eine neue Facette zu zeigen, besteht immer die Gefahr, zu viel zu machen. Weniger ist manchmal mehr. Weniger ist manchmal aber auch weniger. Da muss man die richtige Balance finden – und da konnte ich zum Glück auf Lars Kraume vertrauen, der sehr genau hinguckt und sich sofort meldet, wenn etwas nicht stimmig ist. Ohne Bart, mit Seitenscheitel und im Anzug zu spielen, hat mir natürlich schon geholfen, in die Rolle und in die Zeit hineinzufinden. Aber diese Äußerlichkeiten sind ja erst der Anfang: In den 50er Jahren bewegte man sich ganz anders, man sprach viel langsamer, man schaute sich anders an als heute. Diese andere Körperlichkeit muss man hinkriegen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.


Wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen? Haben Sie Videomaterial aus den 50er Jahren studiert?

Ja. Ich hatte auch das Glück, dass ich an der Ernst-Busch-Hochschule eine sehr gute Ausbildung genießen durfte. Dort haben wir gelernt, wie sich die Menschen in verschiedenen Jahrzehnten bewegt haben. Wir haben an Bahnhöfen die unterschiedlichen Gangarten von Leuten beobachtet und nachgeahmt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Leute in den 50er Jahren ganz anders gesprochen haben als heute: Es gab einen anderen Wortschatz, einen anderen Satzbau, andere Höflichkeitsformen… All das war hier erfreulicherweise schon im Drehbuch. Und was den Rest betrifft, konnte ich mich auf Lars Kraume verlassen. Er ist wirklich sehr präzise.


Hat er ganz dezidierte Vorstellungen oder lässt er Ihnen auch Freiheiten?

Er weiß, was er will. Aber er gibt uns Schauspielern auch den nötigen Raum, um unseren Job zu machen. Er blockt nicht sofort ab, wenn man sagt: „Ich weiß, wir haben heute noch eine Menge auf dem Plan, aber ich habe das Gefühl, das geht noch besser, und ich würde dir gern noch eine andere Variante anbieten.“ So etwas nimmt er dankbar an. Man spürt, dass er einem vertraut. Man hat aber auch gemerkt, dass er großen Respekt vor Fritz Bauer hat – und dass dieser Film seine Herzensangelegenheit ist, sein Baby.


Mit Burghart Klaußner hatten Sie zuvor noch nie gedreht. Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Ein Traum. Ein Geschenk. Von ihm konnte ich unendlich viel lernen. Ich habe ihn schon immer sehr geschätzt, sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand. Am Set war ich erst einmal geplättet von seiner Professionalität, seiner Spiel- und Sprechweise – das ist wirklich alte Schule im allerbesten Sinne. Es hat eine ungeheure Kraft, wie er in den Szenen einfach da ist, wie er wach ist, wie er dich als Kollegen wahrnimmt, wie er aufmerksam zuhört und zuguckt, wie man sich mit ihm die Bälle zuspielen kann… Da spüre ich eine Arbeitseinstellung, die mir imponiert. Da sage ich: „Ja, dafür habe ich auch einmal diesen Beruf ergriffen!“ Ich war total gerührt, als er mich kürzlich anrief, nachdem den fertigen Film zum ersten Mal gesehen hatte: Er hat sich noch mal bei mir bedankt und mir ein tolles Kompliment gemacht. Bei einem neuen Projekt mit ihm würde ich jederzeit blind zusagen.


Was können wir heute von Fritz Bauer lernen?

Nicht aufzugeben, wach zu bleiben, sich nicht einschüchtern zu lassen und gegen seine Ängste anzukämpfen. Denn, wie schon Fassbinder wusste: Angst essen Seele auf!